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“Nicht ganz alltäglich“

Mit Hengst und Stute unterwegs

Modell gestanden
Ein eingespieltes Team. Ghanes fühlt sich in der Rolle des Führpferdes sichtlich wohl. Savannah übernimmt willig den Transport des Gepäcks und ich koordiniere das Ganze.

Text: Martina Najati
Fotos: Uta Götz
 
Bis dato fand ich es völlig normal, was ich mit meinen Pferden mache: Ich reite sie eben. Nicht nur eine dreiviertel Stunde in der Bahn, sondern meist mit einem örtlichen Ziel. Um beispielsweise Freunde in den Nachbardörfern zu besuchen, benutze ich an meinen freien Tagen nur selten das Auto. Stattdessen werden oft die Pferde gesattelt.
 
Gut, jemand hat mir schon mal das Ordnungsamt auf den Hals hetzen wollen. Bloß, weil ich in einer Wohnsiedlung bei Neuruppin mein Pferd an einer Straßenlaterne angebunden hatte, während ich bei Kaffee und Kuchen saß. In den ersten Stock hätte ich das Tier schließlich wirklich nicht mitnehmen können. Außerdem hatte ich vom Balkon aus alles im Blick. Ich habe die Aufregung des älteren Herrn bis heute nicht verstanden, denn nichts und niemand wurde gefährdet. Glücklicherweise freuen sich die meisten Leute, wenn sie mir mit meinen Pferden begegnen.

Bahnübergang
Verkehrsicherheit der Pferde ist selbst in Brandenburg wichtig. Denn sogar in einem Bundesland mit geringer Bevölkerungsdichte lässt es sich auf einem mehrtägigen Ritt nicht vermeiden, Bundesstraßen und Bahngleise zu überqueren.

Auf meinem letzten Wanderritt im Herbst 2007 habe ich Karsten Orgis, den sympathischen Shagya-Araberzüchter aus Wutzetz bei Neustadt (Dosse) kennen gelernt. “Schreib doch mal einen Bericht über Deine Wanderritte“, sagte er, „denn das ist ja nicht ganz alltäglich, mit Hengst und Stute unterwegs zu sein. Das wäre jedenfalls eine prima Werbung für das arabische Pferd.“
 
Gerne allein unterwegs
Eigentlich bin ich als geborene Rheinländerin ein eher geselliger Typ. Für einen Profiwanderreitbetrieb habe ich zahlreiche Wanderritte mit den unterschiedlichsten Teilnehmern geführt und es hat mir Spaß gemacht. Mit meinen beiden Vollblutarabern bin ich allerdings am liebsten alleine unterwegs.

Drei Freunde
Aus Weggefährten werden Freunde. Während einem Wanderritt bleibt immer genügend Zeit für Liebkosungen.

Ich reite seit ich zehn Jahre alt war. Gelernt habe ich das Reiten in einer Reitschule in der die englische Reitweise unterrichtet wurde. Die übliche Teenagerturnierkarriere begann mit kleinen Jugendreiterwettbewerben und der Absolvierung des bronzenen Reitabzeichens (FN). Mit 13 Jahren wurde ich unplanmäßig stolze Besitzerin einer kleinen, quirligen, polnischen Araberstute und schnell entwickelte ich mich zur Wald- und Wiesenreiterin. Schon damals unternahm ich meine ersten Wochenendritte auf eigene Faust quer durch die Eifel zu Bekannten, sehr zur Unruhe meiner Eltern.

Neugieriger Ghanes
Ghanes behält im Blick, wo seine Ausrüstung hin verschwindet.

Ein Handy habe ich zu dieser Zeit nicht besessen. Ich hatte damals mit meinem Vater vorab verschiedene Treffpunkte verabredet, so dass er auf der Strecke zwischendurch die Möglichkeit hatte, per Auto zu überprüfen, ob Tochter und Pferd wohlauf seien. Siebzehn Jahre lang hat die zähe, kleine Fuchsstute mit der breiten weißen Blesse mich begleitet, dreißig Jahre alt ist sie geworden.
Dann folgte eine Zeit ohne eigenes Pferd mit Reitbeteiligung und Teilnahme an organisierten Wanderritten, bis ich 2003 den Vollblutaraberhengst Ghanes (Ghajar X Argfasonella) auf einer einsamen Koppel in den Weiten der Mark Brandenburg, meiner Wahlheimat, sah. Es war die sogenannte Liebe auf den ersten Blick. Ein halbes Jahr habe ich mit der ehemaligen Besitzerin verhandelt bis sie mir Ghanes, der ihr erstes selbst gezogenes Fohlen war und den sie eigentlich gar nicht weggeben wollte, verkauft hat. Ghanes war damals sechsjährig und mit seiner Ausbildung war noch nicht begonnen worden.

Es war gar nicht einfach, einen Pensionsplatz für ihn zu finden. Ich bekam die typischen Vorurteile zu hören: “Sechsjährig, Hengst und roh – der wird Dich umbringen. Mit dem wirst Du nicht fertig.“ Oder: “So alt und noch nichts mit gemacht worden?! Der hat doch bestimmt ’ne Macke. Und dann auch noch ein Araber. Die spinnen doch eh.“ Schließlich fand ich einen Stall, arbeitet konsequent mit Ghanes und knapp vier Wochen später ritt ich auf ihm schon durchs Gelände.
Ich entschied, Ghanes nicht legen zu lassen und stattdessen mit ihm nach Aachen zur Hengsteintragung zu fahren. Dort wurde er 2004 mit der Gesamtnote 5 eingetragen.

Am See
Bei Tagesetappen von bis zu 50 km laufe ich selbst zwischendurch ebenfalls ein Stück weit. Das entlastet nicht nur den Rücken meines Reitpferdes, sondern lockert auch meine eigene Muskulatur.

„Ein Blick genügte“
Kurze Zeit später zogen mein Mann Saeid und ich aufs Land. Auf dem alten Resthof in Herzberg bei Neuruppin gab es genug Platz für Ghanes. Ich machte mich auf die Suche nach einer passenden Stute für Ghanes und fand 2005 die damals siebenjährige Savannah (Euben x Saga). Ein Blick genügte und die Entscheidung war gefallen.

Ghanes und Savannah mochten sich von Anfang an. Beide Pferde sind recht temperamentvoll, schlau und neugierig. Sie haben einen sehr sanftmütigen, grundehrlichen und menschenbezogenen Charakter. Wie sich das für einen Vollblutaraber gehört, sind sie lauffreudig und ausdauernd. In Nuancen unterscheiden die beiden sich allerdings. Ghanes ist eher die nervenstarke Kämpfernatur. Mitunter verhält er sich auch schon mal etwas stoisch, was in brenzligen Situationen durchaus von Vorteil sein kann. Savannah hingegen ist sehr sensibel und sucht die Anlehnung. Sie benötigt einen Menschen, dem sie vertrauen kann. In den falschen Händen neigt sie zur Hysterie.

Allee entlang
Beinahe Wildwestromantik. Als einsame Reiterin durchstreife ich in Begleitung meiner beiden Pferde die märkischen Wälder.

Den Sommer verbringen meine beiden Pferde auf ausgedehnten, extensiven Koppeln mit Hecken und Bäumen als natürlicher Schutz gegen Wind und Regen. Im Winter leben sie mit Familienanschluss auf unserem Hof im Offenstall mit Paddock. Diese Haltungsform macht sie zu verlässlichen, ausgeglichenen Wanderreitpferden mit einer soliden Grundkondition.
Seit mehr als einem Jahr unternehme ich mit meinen beiden Pferden Wanderritte. Im Frühling und Herbst verbringe ich meinen Urlaub im Sattel sitzend auf dem Weg nach Mecklenburg, in Richtung Polen oder in die Prignitz.

Optische Täuschung
Es sieht so aus, als würde ich auf Savannah sitzen. In Wirklichkeit reite ich Ghanes. Savannah läuft im Windschatten energiesparend hinterher. Es handelt sich also um eine optische Täuschung.

„Stumme Stunden im Sattel“
Tagsüber bin ich auf meinen Ritten auf mich allein gestellt. Das ist nicht langweilig und erzeugt eine innige Verbindung zu meinen treuen Begleitern. Die gemeinsam erlebten Erfahrungen, wie etwa das erfolgreiche Überqueren einer - aus Pferdesicht bedrohlich wirkenden - Fußgängerbrücke, schweißen zusammen und stärken das gegenseitige Vertrauen. Es vergehen Tage an denen mir kein einziger Mensch begegnet, dafür aber eine Rotte Schwarzwild, ein Rudel Damwild, manchmal sogar Rotwild. Ich genieße diese Form von Einsamkeit wie sie für die Mark Brandenburg typisch ist. Von Berufswegen muss ich sowieso äußerst viel reden – ich arbeite als Schlossführerin in Rheinsberg – da sind die stummen Stunden im Sattel ein guter Ausgleich.

Neu orientiert
Während Savannah und Ghanes die Pause nutzen, um ein Büschel Gras zu zupfen, werfe ich einen Kontrollblick auf die Landkarte.

Die Streckenplanung findet vorab zu Hause statt und wird von mir auf der Landkarte markiert. Während der Ritte kann es vorkommen, dass ich die Streckenführung aus unvorhersehbaren Gründen spontan ändere. Wenn ich beispielsweise statt einer befahrbaren Brücke (laut Karte) nur baufällige Überresten derselben vorfinde, muss eine Alternativroute gefunden werden. Oder dort wo ich einen endlosen Sandweg durch einen naturbelassenen Wald erwarte und sich im Gegensatz dazu eine für Barhufer nicht zumutbare Recyclingpiste für schwerlastige Holztransporter befindet, bin ich ebenso gezwungen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Abends steuere ich Reiterhöfe beziehungsweise Wanderreitstationen an, bei denen ich mich und meine Pferde ein paar Wochen vorher telephonisch angemeldet habe. Bei dieser Gelegenheit weise ich immer darauf hin, dass es sich bei Ghanes um einen Hengst handelt, so dass sich die Stallhalter darauf einstellen können. Es ist mal vorgekommen, dass sich aus heiterem Himmel angebliche Freunde von mir – ebenfalls Pferdehalter - nicht mehr an meine telephonische Besuchsanmeldung erinnern wollten. Sie hatten von jetzt auf gleich einfach keine Lust mehr, mich und meine Pferde auf ihrem großen Hof zu beherbergen. Mir blieb in dieser Situation nichts anderes übrig, als auf den Abstecher zu den ehemaligen Freunden zu verzichten, eine fast doppelt so weite Tagesetappe zu absolvieren und verfrüht die nächste Station anzupeilen. Zum Glück waren die Leute vom Ponyhof in Neuholland so flexibel, dass es für sie kein Problem darstellte, mich einfach einen Tag früher als geplant unterzubringen. Es ist also empfehlenswert, sich mindestens 24 Stunden vor der jeweiligen Übernachtung bei den einzelnen Gastgebern zu melden und sich in Erinnerung zu rufen, um böse Überraschungen wie diese zu vermeiden.

Brotzeit
Währenddessen ich mich mit dem Picknick aus den Satteltaschen stärke, döst Ghanes im Schatten einer alten Kiefer.

Gute Gespräche und Pläne für das nächste Jahr
Natürlich trifft man bei den einzelnen Stationen auf die unterschiedlichsten Pferdemenschen und schnell wird am Abend und beim Frühstück nachgeholt, was während des Tages ausblieb. Es wird ausgiebig gequatscht und gefachsimpelt. Die meisten Begegnungen sind erfreulich und immer nehme ich am Ende eines Gesprächs einen neuen Gedanken mit auf den Weg.
Mit dem Shagya-Araberzüchter Karsten Orgis habe ich mich zum Beispiel so angeregt über das arabische Pferd im Allgemeinen, den Unterschied zwischen Shagya- und Vollblut-Araber, lang- und kurzfaserige Muskeln, Zuchtverbände, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen unterhalten, dass ich infolgedessen viel zu spät vom Hof geritten bin und deshalb erst im Dunkeln zu Hause ankam.
Mittlerweile ist die dunkle Jahreszeit angebrochen und ich sitze am Abend in unserer Wohnstube auf dem Boden, gebeugt über eine neu erworbene Landkarte. Die nächste Reittour wird geplant.

Ich denke an Joanita. Wir hatten in Wutzetz unsere Adressen ausgetauscht. Joanita war mir mit ihrer jungen Shagya-Araberstute im Wald begegnet. Da sie sich das Schlüsselbein gebrochen hatte, wollte sie lieber nicht reiten und ging mit ihrer Stute stattdessen spazieren. Joanita träumt davon, ebenfalls mit ihrer Stute auf Wanderritte zu gehen und würde gerne einmal mit mir mitreiten.
Plötzlich fällt mir Rüdiger, der Kutscher ein, der sich nach einem Gespräch mit mir an seinen Großvater erinnert, der mit Hengst und Stute die Felder beackerte. Hat die Stute gerosst, wurde eben kurz ausgespannt, der Hengst durfte die Stute decken. Danach wurde wieder angespannt, und die Arbeit ging ganz normal weiter.

Also doch! Das, was ich mit meinen Pferden heute mache, war früher mal ganz alltäglich und nur eine zeitlang in Vergessenheit geraten...



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